6. Juni, Garten – Wien:

Die Schreie. Der Wind trägt sie zu mir. Die Schreie eines Mannes, der innerlich zerbirst, weil das Außen nicht mehr so ist wie es war. Gefangen. Von Jetzt auf Gleich. Du bist gefangen. Was rettet dich jetzt? Deine Familie? Die Liebe, die sie dir schenken? Ihre Aufopferung? Was fühlst du? Willst du Erlösung? Fühlst du Schuld? Wut über das Gewesene und das Jetzt-Sein? Das Noch-Sein? Was ist die Erlösung? Wäre sie es damals gewesen? Warum dann nicht? 

Schuld. Es ist nicht deine Schuld. Auch nicht, dass du noch lebst. Dass sich jemand um dich kümmern muss. Du kannst nicht mehr alleine. Aufgabe. Selbstaufgabe.

Die Schreie. Ein Würgen. Ein Hilfeschrei? Oder einfach nur simple Worte, die nicht mehr zu dem geformt werden können, was sie eigentlich sein sollten. Mitteilungen. Kein Würgen oder doch? Erwürgt dich das Leben? Hat man dir Recht getan? Was ist das Leben? Ist es noch? War es damals und ist es jetzt nicht mehr?

Last. Bin ich es, bist du es. Sind wir. Zusammen?

Ein Schlag. Auf den Kopf. Und alles dreht sich. Dreht sich ganz um. Alles neu und von vorne doch auch nicht. Dein Innen bleibt. Es kann nicht mehr nach außen. Ist es reich genug, das Innenleben? Kannst du davon zehren, um zu leben. Innen zu überleben. Es muss reichen, denn die Erlösung blieb versagt. Noch. Doch wann? Wann ist es da das Ende? Weißt du es – nein. Lösen musst du noch etwas? Aber was? Fragen mit denen du alleine bleibst, mit denen wir alle alleine bleiben. Doch wir sind nicht gebunden. Wir können noch Worte finden, oder? Sind es die Worte? Worte. Versöhnung. Erlösung. Ich. 

naiv.

 

Ich bin wahrscheinlich naiv. Naiv, weil ich an eine gerechte Welt glauben möchte. Naiv, weil ich mir denke, dass es letztendlich um das Menschliche geht. Naiv, weil ich darauf vertrauen will, dass der Mensch sein Gegenüber respektiert und dass er obwohl er auf sich selbst schaut, ebenso einen Blick für den Nächsten hat. Für den Nächsten und letztlich für seinen Feind. Naiv, weil ich daran glauben will, dass wenn sich Menschen in die Augen schauen, sie sich selbst darin erkennen. Auch wenn wir alle verschieden sind und es die Individualität ist, die uns ausmacht. Vor allem aber bin ich naiv, weil ich mir meine Naivität erhalten möchte. Würde ich das nicht tun, wäre ich verloren. Wäre meine Welt zerstört, wäre mein Lebenswille gebrochen. 

Ich halte an ihr fest – an meiner Naivität. Doch manchmal lockert sich mein Griff und sie gleitet mir aus der Hand. 

 

WURM DRIN

 

Wir schweigen.

Schweigen uns an.

Komisch, sage ich. 

Frage mich warum nichts kommt.

Müde, sagst du.

Stille aushalten, denke ich, muss auch gelernt sein.

 

Wir schweigen.

Aber jetzt muss doch.

Muss doch irgendwas.

Ich spreche.

 

Die Worte fallen aus meinem Mund.

Doch zu überlegt, zu gezwungen.

Kaum da klingen sie nach Kind.

Und ich schüttle meinen inneren Kopf.

Hätte ich doch geschwiegen, denn keine Antwort kam.

 

Du schweigst.

Wir schweigen.

Müde, sagst du.

Komisch, sage ich.

© 2020 Julia Marie Wagner - IMPRESSUM